Kranführer Konrad
Eigentlich hasse ich es im Dunkeln noch arbeiten zu müssen. Ich heiße Konrad und bin Kranführer bei Höllmisch, der Baufirma. Wir basteln in Aachen ein neues Stadion, was normalerweise ziemlich langweilig ist, nur an den Spieltagen wird man entschädigt. Von meinem Kran aus kann ich den Tivoli, das alte Stadion, vollständig überblicken. Ich schwenke dann immer mal alibimäßig durch die Gegend und schaue mir das Spiel an. Am Freitag war Koblenz da. Nicht ganz Koblenz, aber ein paar hundert Leute und diese zusammengeklaute Mannschaft halt. Die haben ja Punktabzug ohne Ende bekommen, weil sie anscheinend sogar zum Bescheißen zu doof waren. Mir ist das egal, nur wenn ich an der Tanke mit Geld bezahle, das ich gar nicht habe, regt sich nie jemand auf.
Zuerst fiel mir ein grüner Transporter auf, der Runden im Kreisverkehr fuhr und dann im Halteverbot stehen blieb. Beinah hätte ich vor innerer Begeisterung einen Betonpfeiler der neuen Südtribüne wegefetzt. Auf dem alten Tivoli hängen sie ja Schilder auf, wie oft dort noch gespielt wird. Ich war mal da und finde die können alle froh sein, wenn das Ding, was sie Tribüne nennen, überhaupt noch so lange durchhält. Wenn jedesmal so begeisterte Fähnchenschwenker kommen, wie diesmal aus dem Rheinland, sieht es jedenfalls trübe aus. Die Bewegungsenthusiasten haben auf alle Fälle schon eine Viertelstunde vor dem Spiel angefangen die Fliegen über ihren Köpfen zu verscheuchen und eigentlich nie wieder aufgehört. Respekt!! Ich frage mich nur, wie die dahinter noch was sehen können und ob wirklich jemand denkt optische Reize auf den Rängen beieinflussten ein Fußballspiel?
Im Spiel fielen dann ziemlich schnell 2 Tore für Aachen, weil die Koblenzer, wie es aussah, nicht an Auswärtspunkten interessiert sind. Möglicherweise haben die auch viele Verletzte, weil alle nur vorsichtig Zweikämpfe führten oder sie hatten eine unbekannte Mission ungeahnter Bedeutung. Ich kann viel, aber nicht alles sehen von meinem Kran. Die Fähnchenwedler jedenfalls waren nicht schuld und sie schrien ja auch aus Leibeskräften, dass sie Schängel seien oder so. In Aachen hört man aber keine Gästefans. Eingepfercht zwischen Zäunen aus Guantanamo und ohne Dach haben die keine Chance gegen die Heimfans. Vielleicht ein Quell gewisser Frustration. Ich glaube aber am schlimmsten für Leute von außerhalb ist das Bier im Stadion. Die Plörre schmeckt als hätte Lance Armstrong eine Urinprobe abgegeben und das Zeug sieht sogar trüb und unappetitlich aus.
Am Ende als Aachen nicht mehr wollte und Koblenz gar nichts konnte, drehten sich die ganzen Hyperaktiven um , ohne mit der unnützen Fähnchenwedelei aufzuören und brüllten, sie hätten die Schnauze voll. Es ist nicht das erste Mal, dass so Frustbewältigung versucht wird. Ich hätte Verständnis, wenn jemals eine Mannschaft nun plötzlich den zuvor vermissten Zauberfußball gespielt hätte. Habe aber noch nie davon gehört. Die Spieler wollten sich bei den fleißigen Luftverwirblern bedanken, aber die hatten mit ihrer eigenen Beschränktheit zu tun. Der bestimmt chronisch unterbezahlte Trainer mit grauer Fönfrisur erklärte sich und die gesamte Anhängerschaft für stumpfsinnig und jetzt hoffte ich sehr auf eine weitere Eskalation. Leider wurde ich enttäuscht, alle gingen einfach weg. So fing ich wieder an meinen Kran zu schwenken und neue Betonteile aufzuheben, als der grüne Kleinbus sich in den üblichen Stau drängelte und die Insassen sicherlich völlig still und zerknirscht stundenlang nach Hause fuhren.
Bodo |