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Zum Glück hab ich mein Jäckchen
von Uwe Wacholder
Ich musste den Oschi und meinen neuen Co, wir nennen ihn „die Glocke“, abholen, weil sie sich ohne Winterreifen nicht trauten zu fahren, die Pfeifen. Das passte mir gar nicht. Ich wollte nach der Schoße nochmal zum Bahnhof, da hatte ich keine Lust die zwei auch noch mitzuschleppen. Der grinsende Halbami ist mir eh zu gutaussehend. Da hab ich mir lieber gleich mal mein scharfes Wildlederjäckchen angezogen.
Auf der Fahrt riefen wir noch den Sterzl an, ob auch genügend Glühwein im Zelt wäre. Ich hatte keine Lust dem Plebs nüchtern in sein fieses Antlitz zu schauen. Der Sterzl brüllte irgendetwas Unverständliches von ganz vielen Nasen mit Haarproblemen, aber da hatte ich schon wieder aufgelegt. Das weiße Beduinenzelt, in dem sonst während der Spiele die fetten Fressbuffets stehen, war schon gut gefüllt, als ich kam. Der Oschi trieb mich durch die Menge und ich schaute mich nach der Glocke um. Aber der wurde von ein paar Schwarzvermummten kräftig rangenommen.
Wir verzogen uns nach hinten und der Oschi packte die Taschenrutscher aus, die er durch die Einlasskontrolle geschmuggelt hatte. Vorne fing der Sterzl schon mal an, den angereisten Dösbacken Honig ums Maul zu schmieren. Nach einer Weile kam der Walter zu mir, steckte mir ein paar Freikarten von dem Club zu, in dem seine Olle dauernd auftritt und mir war klar, jetzt würde es ein langer Abend werden. Dann schritt er vor ans Rednerpult, schubste den Sterzl zur Seite und brüllte rührselig irgendwas von Ohnmacht, Verrat und Erpressung. Mir persönlich war es egal, aber die Pressefritzen kriegten sich gar nicht wieder ein und zwischendurch war mir, als hätte ich Waldi Hartmann gesehen. Der Oschi hing neben mir schon ziemlich durch, wahrscheinlich hatte er sich wieder den polnischen Blindmacher eingeflößt, den er seit 2003 in Unmassen im Keller versteckt.
Während der Oschi neben mir tapfer gegen den Brechreiz kämpfte und die Glocke anscheinend noch mit den Vermummten diskutierte, versuchte ich dem Geplapper weiter vorne zu folgen. Am meisten nervte mich so eine blonde Semmellocke, die dauernd von vielen Kilometern und unwirksam Schwebenden faselte. Dann musste ich mich festhalten, als ich erst meinen Geheimkneipier aus Neuwied und dann Rainer Calmund persönlich sah. Der Fette wollte ein paar griechische Wurstmilliardäre reinholen um allen zehn Mark und mir ein bisschen mehr zu geben, aber entweder Sterzl oder Waldi Hartmann wollten das nicht. Jetzt rastete zu allem Überfluss noch der Wolfi aus, den ich am Nachmittag doch extra von meiner Lieblingsbesucherin hatte besuchen lassen. Aber anscheinend hatte sie ihn nicht genug entspannt. Der brüllte die Semmellocke und den Walter an, dass es nur so eine Freude war und sogar mein Kneipier setzte sich wieder.
Nun war es an der Zeit, dass ich, meinen letzten Taschenrutscher leerend, nach vorne schritt und der versammelten Meute irgendwas von Klassenerhalt, Aufstieg und viel mehr Geld für mich erzählte. Die dummdreisten Hornochsen in der ersten Reihe glotzen, als glaubten sie den ganzen Blödsinn und ich redete mich in Rage. Am schönsten fand ich, als ich den Laden mit einer Hütte verglich, aus der ich ein Haus bauen wollte. Als wenn ich ein Baurülps wäre. Hinten kippte der Oschi vom Stuhl und draußen brüllten irgendwelche Teenietransen, die vermutlich die Glocke gekidnappt hatten, etwas von Schweinebacke und Oberscheiße. Das Zelt kochte mittlerweile und Sterzl und Waldi lagen sich in den Armen. Es war Zeit, dass ich hier raus und zum Bahnhof kam, wo niemand Fragen stellte und an meinem Wildlederjäckchen zweifelte.
Bodo |
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