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Jahreshauptversammlung TUS Koblenz 1911 e.V.
15.5.2007 Sportlerheim KO-Horchheim


Ich war aufgeregt, als ich die Treppe zum Sportlerheim hinunterging. Immerhin wusste ich nicht genau, was mich erwartete, welche Prominenten ich würde anfassen dürfen und außerdem hatte ich gerade 20 Minuten nach einem Parkplatz gesucht.

Vielleicht nicht so ne gute Idee, das Ganze hierher zu verlegen.“

Ein paar andere Piraten hatten mir einen Platz frei gehalten und Ralf brachte gleich für jeden ein Bier, weil er seinen Schal vergessen hatte. Hinter uns füllten sich die Stehreihen, der Milan war auch da und hatte aber glücklicherweise schon seinen Sitzplatz. Der Riegel-Rudi kam viel zu spät, schickte aber irgendeinen Unglücklichen mit einem Wink seines Kopfes zu den Stehreihen oder zum Meidericher SV. Wer weiß das schon. Der Wibli, der Andreas und der Rüdiger waren auch da und trafen sich nach einigen wichtigen Gesprächen an der Bar.

Erstes wirkliches Highlight war ein Kamerateam vom SWR, welches auf den Kay zu stürzte und wissen wollte, was er von diesem Abend erwartete. Kay hatte eigentlich vor allem Hunger und Durst und war auch schon ein bisschen müde, dachte aber das ginge SWR-Zuschauer schon mal gar nichts an und faselte etwas von Diskussionen und Dirk Zimmer. Ich war trotzdem beeindruckt.

Als wir alle unser Bier schon wieder ausgetrunken hatten, eröffnete der Walter die Veranstaltung und zuerst wurde festgestellt, dass es vielleicht nicht so ne gute Idee war, das Ganze hierher zu verlegen. Danach debatierten ungefähr vier Leute eine halbe Stunde darüber, wann man heute was entscheiden sollte. Als mir schon langsam das Blut in die Ohren schoss, einigte sich der Walter darauf im Großen und Ganzen alles so zu belassen wie vorgesehen.

Wahrscheinlich freute er sich einfach zu sehr auf seinen eigenen Bericht, mit dem er auch gleich anfing. Mittendrinne lobte er den Milan, was Standing Ovations hervorrief, um dann von einem gewissen Herr Fuchs unterbrochen zu werden, der einen Film über hundert Jahre TUS dreht und 2011 die ganze Wahrheit sagen wird.

Nach ein paar Nachfragen und der Versicherung heute dazu nichts zu sagen, gab unser Präsident dann zu, dass „ wir strafbar gehandelt haben und vielleicht im unregelmäßigen Bereich experimentiert haben, aber nur deswegen da stehen, wo wir jetzt sind!“

Nämlich vor dem Richter, möchte man ergänzen.

Nachdem der Walter, dann wohl auch für sein Empfinden häufig genug gesagt hatte, dass zur Zeit alles so toll wie nie vorher ist, hatte der Vorstand Jugend seinen großen Auftritt, den aber nur noch etwa die Hälfte der erschienenen Mitglieder hören und sehen wollte. Leider ist der Saal im Horchheimer Sportlerheim so eng bestuhlt gewesen, dass ein störungsfreier Abgang für keinen der Klogänger oder keine der Raucherinnen möglich war. Vielleicht war es einfach nicht so eine gute Idee, das Ganze hierher zu verlegen. Da ich auch meinen Schal vergessen hatte, holte ich erstmal wieder Bier für alle.

Zum Glück kamen die meisten Leute gerade wieder zurück, als der für mich schönste Moment des Abends anstand. Der Abteilungsleiter Tischtennis zog eine Erfolgsbilanz seines letztjährigen Wirkens, vergaß aber auch nicht den Fußballern zu gratulieren. Nicht nur das die 2. Tischtennis-Mannschaft irgendwann von der Klasse 6 in die Klasse 5 aufgestiegen war, die 1. Mannschaft hatte auch noch im Pokal (Was es alles gibt!!) eine höherklassige, ungeschlagene Tischtennisübertruppe aus irgendeinem Kleckerdorf niedergekämpft. Ganz große Geschichte!

Da hörte sich der nun folgende Streit der zwei Kassen- und Rechnungsprüfer schon ziemlich kleinkariert an. Im Kern ging es um die Frage, ob man die Belege des Millionenetats unserer TUS nicht auch einfach unbesehen bestätigen könnte. Klar, man hatte 28 Stunden Zeit und das ist zu wenig um zu prüfen. Unbestritten. Aber wozu denn auch? Wer wird den bei unserer TUS irgendetwas falsch machen und das womöglich noch absichtlich? Ich schaute lange den Walter an und es wollte mir partout niemand einfallen!

Nun endlich kamen wir zu dem Teil des Abends, für den uns der Vorstand eigentlich eingeladen hatte: ABNICKEN DER AUSGLIEDERUNG DER LIZENZSPIELERABTEILUNG.

Drei Anwälte übernahmen das Ruder auf der Bühne. Der jüngste von ihnen erklärte uns zunächst einmal die Welt und dem Dirk Zimmer die Statuten und der älteste, vermutlich ein leiblicher Verwandter von Rumpelstilzchen, erläuterte den Masterplan, wie aus einer Profimannschaft eines Vereins eine Profimannschaft einer Firma werden soll. Ich fühlte mich ein wenig überfordert, alle einfließenden Informationen in die richtigen Bahnen zu leiten. Vermutlich habe ich deswegen alles völlig falsch verstanden, aber zwischendurch hörte es sich für mich so an, als sollte die Rheinzeitung zwar nur 49% des Unternehmens besitzen, aber durch die Drohung Geld aus der GmbH zu ziehen so ziemlich alles durchsetzen können. Und die TUS muss erstmal 1,2 Millionen einbezahlen, die eigentlich für neue Trikots oder Spieler gedacht waren. Und der in die Firma eingehende Wert der Spieler wird auf 10000 runtergerechnet, weil man dann weniger Steuern bezahlen muss. Ich bin froh, wenn mir das jemand noch einmal erklärt. Als dann Rumpelstilzchen und der Herr Twer uns aufklärten, dass wir entweder heute positiv entscheiden müssten oder die Zukunft des Universums mehr oder weniger in Frage steht, konnten die „Erpressung“-Rufe von weiter hinten nur mit den undurchsichtigen Platzverhältnissen auf den Stehrängen zu tun haben oder grundsätzlich mit der Tatsache, dass man das Ganze vielleicht besser nicht hierher verlegt hätte.

Ich glaube, auch der Walter selber war von seinen tollen Ideen überrascht, denn als wir endlich darüber abstimmen sollten, ob wir dann abstimmen wollten, verwechselte er ständig Stimmzettel miteinander und es gab Tumulte wegen viel zu wenigen Stiften und gläsernen JA und NEIN Urnen und gar keiner Geheimhaltung. Bei jeder Abstimmung hatten wir nun etwa eine halbe Stunde Zeit, was mit Sicherheit nicht an den drei Zählkommissionshelden lag und schon gar nicht am Abstimmungssystem, denn das hatte ja eine Firma extra für diesen Abend entwickelt. In den Pausen konnte man endlich näher an die Prominenten ran, was Paddy zu einem Plausch mit dem Walter nutzte und Kay zum Erörtern wirklich wichtiger Fragen mit Sven Sabock von der Rheinzeitung. Mir fiel auf, dass der Milan sich ständig ins Gesicht griff und irgend ne schlimme Hals-Nasen-Ohren-Geschichte haben muss, während Riegel-Rudi seine Wasserflasche umschmiss ohne davon Notiz zu nehmen und eine SMS nach der anderen in die Weltgeschichte hinauskatapultierte.

Endlich war die Ausgliederung beschlossen und der große Showdown konnte starten.

Würde die Opposition um Stadionsprecher Dirk Zimmer einen neuen Vorstand installieren können? Es gab erste Schwierigkeiten, weil sich dieser junge Anwalt wahrhaftig die Mühe gemacht hatte die Statuten des Vereins zu lesen, in denen anscheinend steht, dass Tagesordnungspunkte, die nicht auf der Einladung vermerkt sind, mit einer dreiviertel Mehrheit auf die Tagesordnung gewählt werden müssen. Und obwohl jeder hier wusste, dass es einen Misstrauensantrag an den Vorstand gab und diese Sache auch in den Medien schon mehrfach thematisiert wurde, stand dieser Punkt eben nicht auf der Einladung. Wieder eine Abstimmung und die Dirk-Zimmer-Opposition gewann, aber nicht mit dreiviertel Mehrheit. Dies erhellte dem Walter sein Gesicht und veranlasste den Dirk zu dem Ausruf:

Jetzt hab doch endlich einmal Muuuuuuuut!!!“

Für mich in einer Reihe mit „Quäl dich, du Sau!“ und „Abseits ist, wenn der Schiri pfeift!“

Es entstand eine eigenartige Stimmung im Saal und es bedurfte jetzt unbedingt eines Mannes mit Format, die vielen unterschiedlichen Standpunkte und Stoßrichtungen des Abends in eine entscheidende und richtige Richtung zu lenken. Riegel-Rudi packte sein Handy weg und schritt zum Mikrofon. Bewegende Worte entströmten seinem Mund. Er redete nicht nur von Beschämungen und großen Chancen, nein, er rüttelte an den Grundfesten jedes Einzelnen, so dass ich nicht nur mich selbst und mein Verhalten an diesem Abend hinterfragte, sondern gleichzeitig auch gedanklich die deutsche Außenpolitik, die nächste Saison und meine Versicherungspolicen durchging.

Jetzt gab es kein Halten mehr und ein mickriger Typ im Retro-Fanshirt schlug den Dirk als Vizepräsidenten vor, worauf die anwesende Meute diesen zum Vizepräsidenten wählte. Es gab großen Beifall und einen Triumphmarsch aufs Podium, wo der Dirk dem Walter die Hand gab und sich anhörte, wie der Walter ungefähr etwas wie: „Na mein Junge, du siehst ja sicher ein, dass der dicke Onkel immer Recht hat,“ sagte. Der Dirk nahm es gelassen und setzte sich grinsend an den Vorstandstisch und ich schickte ein paar Stoßgebete los, dass wir der erste Verein sein mögen, in dem der Vizepräsident auch der Stadionsprecher ist.

Die Wahl des Vorstandes Sport gestaltete sich ähnlich spektakulär, weil der ehemalige Vorstand Herr Simon plötzlich mopsfidel am Mikrofon erschienen war und seine eigene Presseerklärung rundweg zur Lüge erklärte, was ja nur bedeuten konnte, dass er gerne wieder in sein Amt zurück gewählt werden wollte. Irgendwie war an diesem Abend aber nicht die Zeit dafür und so schaffte es ein gewisser Hans Dill aufs Podium und in die Position des Vorstands Sport, was dem Walter irgendwie die Laune verdarb. Möglicherweise war er auch sauer, weil auf einmal alle heim wollten und auch ich nicht mehr mit ganzem Herzen bei der Diskussion über gleichgeschlechtliche Familienmitgliedschaften ohne Kinder im Vierteljahresrhythmus dabei war.

Vielleicht hätte man das Ganze gar nicht woanders hinverlegen können, dachte ich, als ich eine dunkle Straße auf der Suche nach meinem Auto entlanglief und in der Ferne die Lichter und Geräusche des Soldatenheims zu verschwinden drohten. Vielleicht nicht.


Bodo

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