Jahreshauptversammlung TuS Koblenz 1911 e.V.
8.Februar 2008, VIP-Zelt Stadion Oberwerth, 375 Mitglieder
Der Mann, der vor dem Zelt stand und dem Begriff Kettenrauchen eine ganz neue Dimension gab, hatte schütteres, graues Haar, eingefallene Wangen und eine gräuliche, ungesunde Gesichtsfarbe. Gerade hatte sein Leben eine unerwartete Wendung genommen. Er hatte gewusst, dass er am Ende dieses Tages nicht mehr Präsident sein würde. Präsident des Vereins, dem er seine Tränensäcke zu einem Großteil verdankte. Unerwartet war, dass er nun kurz vor der endgültigen Demütigung und den Trümmern seiner Karriere stand. Sie wollten ihn in den Knast stecken!
Angefangen hatte der Abend recht hoffnungsvoll. Das Zelt mit den Vereinsmitgliedern war voll und gar nicht so schlecht gestimmt, wie er gedacht hatte. Die Gespräche mit den neuen Mächtigen waren gut verlaufen, bald war er raus aus der Scheiße. Das Wichtigste aber war, dass es so aussah, als würde er noch einmal mit einem blauen Auge davonkommen. Er hatte vielleicht im unregelmäßigen Bereich experimentiert und sie waren ihm auf die Schliche gekommen, jedoch der große Abschuss schien auszubleiben.
Auch die Versammlung begann erstaunlich problemlos. Beim Totengedenken klingelte von so einer Tante mit Totenkopfschal auf dem Tisch das Handy. Sowas regte den alten Mann auf. Aber dann konnte er erstmal andere Leute vors Loch schieben. Der doofe Finanzoberfuzzi hatte gekniffen und die Kellnerin furzte er an, weil die Currywurst nicht schmeckte. Bekleckert hatte er sich auch, aber es sah niemand. Warum gekichert wurde, als er die tollen Ergebnisse der Mannschaft vorlas, wusste er nicht. Wahrscheinlich hatten die Nasen da unten keine Ahnung. Falsch konnten die Ergebnisse nicht sein. Der Hermann hatte sie ihm aufgeschrieben, kurz bevor er dann weg war. Plötzlich.
Zum ersten Mal den Abgrund gesehen hat der Mann, als er Extrainer Milan Sasic in seiner Rede erwähnt hatte. Wer war den hier der Held? Warum verehrte man den Jugoslawen mehr als ihn? Waren es nicht die Jugoslawen, die auch Schuld am Elend mit dem Hermann waren?
Der alte Mann dachte über den Hermann nach, dem er blind vertraut hatte und der jetzt nicht mehr da war und gut vier Millionen Euros auch nicht. Auf der Bühne redete der Glatzkopf, den ihm der Pöbel voriges Jahr aufs Auge gedrückt hatte, von Erfolgen der 2. Mannschaft. 13 Punkte Vorsprung, da fragt keiner wie toll das ist! Sogar poetisch wurde der Haarlose. Laberte von einem Baum mit Wurzeln und Blättern. Wahrscheinlich wollte der Jugendfuzzi da nicht nachstehen und schwärmte etwas später in jedem dritten Satz vom Duft der großen weiten Fußballwelt. Dem alten Mann wurde ein wenig warm ums Herz. Vielleicht war alles gar nicht so schlimm. Lächelte der Verlegermensch, der immer erst nach wilden Diskussionen gönnerhaft Geld gibt, nicht sogar? Und bei der Tischtennisabteilung war auch nicht alles rosig. Obwohl sich der Alte da nie drum gekümmert hatte, steht die 1. Männermannschaft auf einem Abstiegsplatz. Na hallo, merkt keiner etwas!
Leider enterte dann so ein Zahlenverdreher von einer Wirtschaftsprüfungsfirma die Bühne. Der schwafelte von den fehlenden Millionen als hätte ihm jemand in die Bonbontüte gegriffen und jetzt wachte der Plebs auf den Plastikstühlen endgültig auf. Wie es sein könne, dass auf einmal über vier Millionen weg sind, ohne das er, el Presidente, etwas gemerkt habe? Du liebe Güte, dachte der Alte, ich merke nicht mal wenn mir die Pennäler den Kuli vom Pult klauen.
Und dann ging alles sehr schnell. Dieser Busunternehmer, der seit ein paar Wochen auf dicke Hose macht, kam und redete, als wäre er schon Präsident. Eine Frau aus der Geschäftsstelle kam und flüsterte dem alten Mann zu, dass der Deal geplatzt sei und er sich auf einige Monate Gemeinschaftsdusche einstellen müsste und dann flatterten diese drei Worte durch den Raum:
EIN GESCHLAGENER MANN.
Der Alte musste raus. Unerträglich war ihm das alles: diese Vorwürfe, diese Hoffnung auf sein Verschwinden und das Rauchverbot! Vor dem Zelt war es kalt und eine Schachtel in einer halben Stunde ist vermutlich ungesund, aber wenigstens drang die blöde Aufbruchsstimmung, als der Busunternehmer und seine Leute gewählt wurden, nur kläglich bis hierher. Der Wind pfiff von der Tribüne des Stadions runter. Der Zahlenverdreher rief nach ihm, aber der alte Mann steckte sich noch eine Zigarette an. Ist eh egal, wie ich aussehe, dachte er.
Bodo