Totenkopf Schal
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FC Erzgebirge Aue – TuS Koblenz 0:0,
7.Dezember 2007, Erzgebirgsstadion, 7500 Zuschauer

 

Auswärtsfahrt

 

In Zwickau tankten wir noch einmal. Man weiß ja nie, was zwei Piraten im finstersten Sachsen erwartet. Spät dran, aber hoch beeindruckt fuhren wir durch Schneeberg, eine kleine Stadt in der Nähe. An jedem verdammten Fenster gab es einen Lichterbogen. Ganze Wohnblöcke waren hell erleuchtet und sogar die Klos müssen hier anscheinend geschmückt werden. Endlich wissen wir, wo die Klimakiller sitzen. Greenpeace against Schwippbögen, das wäre mal eine Kampagne. Zum Stadion des FC Erzgebirge Aue ging es nur noch nach unten.  Der Parkplatz schimmerte matschig im Talkessel. Wir sprangen in den Schlamm und liefen über eine Wiese in Richtung der entzündeten Flutlichter. Im Osten stehen die Leute definitiv auf überdimensionierte Flutlichtmasten. Auch ne schöne Erkenntnis.


Wie immer mussten wir als Auswärtsfans ums halbe Stadion laufen um endlich irgendwo rein zu kommen. Eine überschaubare Schar Koblenzer freute sich an Wind und dem schmackhaften Nudeltopf. Wir nahmen Bartwurst und Bier wie immer und hatten dann ganz große Probleme unser Banner wenigstens über einen der Wellenbrecher zu knoten. Jetzt musste ich auch noch dringend und das Klohäuschen war weit weg. Egal. Es entpuppte sich als Erlebnis. Wer hat schon in diesem Jahrhundert in eine echte, geflieste Pissrinne gelullert? Aber ein wahrer Segen war die Handhygiene hinterher. Seife im großen Stück, kein Wasser, aber zwei kleine karierte Stoffhandtücher. Frisch gewaschen. Ich musste an meine Mutti denken. Zurück beim Banner hatte sich der Kindergarten vom IK breit gemacht und wir stellten uns etwas Abseits. Was für ein Glück: freier Blick auf die Anzeigentafel, wo die Bildröhre anscheinend endlich wieder Zukunft hat und Vladimir Putin im Fernsehen. Vielleicht war es aber doch der Präsident der Gastgeber mit einer Ansprache zur Lage der Nation, wortwörtlich abgeschrieben von Fidel Castro anlässlich des 12. Parteitages der Kubaner schlechthin. Aue jubelte und zündete Schwippbögen an und das IK machte sich zur ersten Polonaise des Abends auf.


In dem Augenblick glaubte ich an einen 5:0 Sieg.


In der ersten Halbzeit hätten die Jungs auch Volleyball spielen können. Wir hätten es nicht gemerkt. Es war einfach zu viel zu tun: Die Knoten des Banners lösten sich dauernd, das IK trampelte auf unseren Füßen herum, wir versuchten irgendwie so etwas wie Support auf die Reihe zu bekommen und einer, der sich Lutz nannte, aber niemals der echte war, wedelte mit seiner Flagge beharrlich in und vor unser Gesicht. Als dann zwei durchtrainierte Wale am Nachbarwellenbrecher sich von ihren letzten T-Shirts befreiten, war an Konzentration sowieso nicht mehr zu denken. Das Entsetzen in den Augen und geblendet von der lila Tartanbahn taumelten wir der Halbzeit entgegen, in der wir endlich einen Nudeltopf haben wollten.


Vor mir am Nudeltopfstand stand ein abgemagerter Schängel, der sich freute, als er die letzten, schwarzen Reste aus der Nudeltopfpfanne bekam. Steffen weigerte sich noch eine Bratwurst zu essen. Also gingen wir frustriert einfach nochmal aufs Klo. Als wir wiederkamen, hingen ein paar Erzgebirgler am Trennzaun und bettelten um einen Schal. Man fühlte sich zeitlich ganz weit zurückversetzt, jedoch diesmal gab es keine Gnade. Kein Koblenzer wollte seinen Schal rausgeben. Das Wetter war auch abartig und die Gesundheit geht vor. Einer der beiden halbnackten Wale schrie nach einem weiteren Bier.


In der zweiten Halbzeit wurden die Veilchenfans immer unruhiger. Der dreckige Anel und seine Kumpanen spielten die Sache ziemlich souverän runter und wäre ihnen etwas früher eingefallen, dass gewinnen noch schöner als nicht verlieren ist, dann hätte man die feurige Rede vom Vladimir vollends als verpufft betrachten können. So war zum Schluss irgendwie keiner völlig glücklich, aber auch niemand total verzweifelt. Die gesamte Mannschaft kam an den Zaun und man konnte für einen Moment glauben, sie haben sich wahrhaft gefreut, dass sie nicht alleine in die Wallachei mussten und dass der Goran sein Shirt wirklich schon einem blutenden Ossi versprochen hatte. Auf jeden Fall hatten alle ganz warme Hände, was für eine ordentliche Durchblutung spricht und wir während der gesamten 2. Halbzeit einen viel besseren Standort für unser Banner. Ich glaube, vor allem die Kinder vom IK waren mega-neidisch auf unsere Coolness und verpissten sich ziemlich schnell. Es fing allerdings auch fies zu regnen an und es war schwierig, das Banner wieder vernünftig abzunehmen.


Der Weg zurück zum Auto wurde zum Spießrutenlaufen. Tausende unansehnliche Menschen mit violetten Schals kamen uns entgegen und jeder hatte was Wichtiges zu sagen:


„Kommt jut heme!“


„Ma sehn un beschtimmt widder!“


„Passt ma da vorne uff. Is glitschich.“


„Scheene Woinachtn!“

 

 

Bodo

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